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Wie ich werde, obwohl ich schon bin.

Ich warte immer noch drauf, dass es passiert. Der große Knall. Der Graben. Es geht mir schon viel zu lange gut. Die Angst wird noch lange in mir wohnen. Niemand kann das so verstehen wie ich. Was ich gesehen und erlebt habe.

Wenn ich ins Büro gehe, habe ich Angst, dass jemand sagt, jetzt musst du gehen. Jedes Wort in jeder Konversation, ich überprüfe, hinterfrage mich, hast du jetzt das richtige gesagt, warst du zu unfreundlich, zu ungeduldig? Doch irgendwann werde ich müde zu überprüfen. Nur mal kurz loslassen. [Weiterlesen]

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Ein Schiff, ein großes. (Schottland Teil 2)

Amsterdam –> Newcastle –> Edinburgh

Zu Teil 1: Vom Heimkommen

Wie beginnt man einen Reisebericht von einem Land, das man noch so sehr in sich trägt und fühlt, als wäre man noch dort?

Marcel, meine Reisebegleitung für eine Woche und ich befinden uns auf der DFDS Fähre von Amsterdam nach Newcastle-upon-Tyne in England, nahe der schottischen Grenze. Wir stehen nach der ersten Erkundung des Schiffes vorne auf dem offenen Deck über dem Bug und genießen den blauen Himmel und die Hafenatmosphäre.

Blick vom Bug der "King Seaways" auf den Hafen von Ijmuiden bei Amsterdam

Blick vom Bug der „King Seaways“ auf den Hafen von Ijmuiden bei Amsterdam

Panorama beim Auslaufen des Schiffs aus Amsterdam

Panorama beim Auslaufen des Schiffs aus Amsterdam

Die "King Seaways" begrüßte uns ganz freundlich :)

Die „King Seaways“ begrüßte uns ganz freundlich 🙂

Jeder dem ich davon erzählte dass wir Fähre fahren sagte zuerst „Toll!“ und dann: „Wieso fliegst du nicht!?“ 😉 Dazu muss man wissen dass ich das Wasser liebe, egal in welcher Form. Am und im und auf dem Meer zu sein ist für mich besser als Geburtstag haben! Und ich liiiiebe Fähre fahren![Weiterlesen]

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Vom Heimkommen. (Schottland Teil 1)

Füße im Meereswasser

Und dann sitzt du da in deinem eigenen Bett. Um dich herum ist es still. Keine 6er-Schlafraum-Bettnachbarinnen um dich herum, die sich Englisch sprechend durch ihre Sachen aus dem Rucksack wühlen, ihre Haare fönen oder gemütlich ein Buch lesen im Hochbett gegenüber. Dein Backpacker-Rucksack liegt nur halbausgepackt auf dem Boden (um an das nötigste zu kommen), deine Wanderschuhe liegen achtlos daneben. Vor wenigen Tagen waren sie noch dein Ein und Alles und haben dich über Stock und Stein, durch Bäche und über Schlammpfützen getragen. Doch hier ist kein Berg, kein unbefestigter Pfad.

Seit der Ankunft am Flughafen ist da dieses Gefühl in dir. Es ist sehr schwer zu beschreiben. Es ist keine Traurigkeit. Es ist auch kein richtiges Fernweh. Es ist so ein allumfassendes Gefühl der Verbundenheit mit der Welt. Dem Unterwegssein. Und hier, zurück in der „Heimatstadt“, wo alles still steht, hat es nichts zu suchen. Es fühlt sich falsch an, fehl am Platz. Alles ist so anders als an dem Ort an dem man vor wenigen Tagen noch war. Am meisten fehlt dir die Natur, die Weite. Die anders sprechenden, unfassbar freundlichen Menschen. Plötzlich sind überall Straßen und Autos, und die Menschen wirken so gestresst. Was hab ich hier zu suchen, fragst du dich? Du weißt, du willst nicht sofort wieder zurück, denn die Reise war teilweise auch anstrengend. Aber hier bleiben kannst du auch nicht. Du bist irgendwie verloren. Du hast plötzlich dein eigenes Bett wieder, deine Wohnung, eine eigene Dusche und eine saubere Toilette mit ordentlichem Klopapier. Aber all das brauchst du eigentlich nicht. Das weißt du jetzt, denn du hast einige Wochen ohne gelebt.

Du fällst in ein seltsames, ungewohntes, nie gefühltes Loch.

Und in all diese Orientierungslosigkeit kommen die Anderen. Die dich fragen „Und jetzt, wie geht’s weiter?“ – und du nicht weißt was du antworten sollst. Die in ihrem Alltagstrott leben, grade von der Arbeit kommen, einen anstrengenden Tag hatten, sich auf das Wochenende freuen. Und da bist du, sprudelst über vor Begeisterung und Freude und Erlebnissen und Erfahrungen und willst am liebsten sofort drei Stunden gemeinsam Fotos schauen und erzählen und berichten und – abgebremst. Abgebremst von der Realität. Denn die zeigt dir, dass niemand so richtig hören will wo du warst. Was du erlebt hast. Nach zwanzig Minuten Erzählen deinerseits dreht sich alles wieder um das kaputte Auto, oder den morgigen Arzttermin, oder warum das Badezimmer noch nicht geputzt ist. Und du sitzt dazwischen, siehst dir alles an und verstehst nichts mehr. Willst einfach nur zurück, in das Land, die Stadt, an den Fluss, wo du Postkarten schriebst während die Sonne unterging und das Wasser rauschte und du so völlig mit dir und in dir selbst warst und zufrieden mit allem. Wo alles gut war. Und zwar ohne-Hintergedanken-gut.

In Deutschland war alles immer mit Hintergedanken. Dort, in Schottland, war schon nach kurzer Zeit alles aufregend, und neu, und interessant, und schwierig, aber irgendwie gut, denn es war dein schwierig und dein neu, selbstgewählt. Hier, zurück, hast du das nicht gewählt. Es ist einfach da und hat auf deine Rückkehr gewartet. Die Probleme. Der Berg an To-Dos. Alles hattest du vor der Reise hinfortgeschoben, um nicht daran zu zerbrechen. Die Reise hat dir eines gezeigt: wie es ist, endlich wieder unbeschwert zu sein. Frei. Frei entscheiden zu können ob du nun dies tust oder das. Ob du in den Norden fährst oder den Süden. Ob du einen Salat im Park isst oder ein Steak im Pub. Ohne Hintergedanken. Ohne Sorgen. Einfach machen.

Und jetzt wo du zurück bist, bindet sich alles Alte wieder an dein Bein und deine Seele.

Und du fragst dich, was du hier sollst, wo doch in Freiheit alles so viel besser war. Du fragst dich, warum du jetzt arbeiten sollst, und einkaufen, und putzen, und Berge abarbeiten.

Die Wahrheit ist: das ist normal. Es wird besser, wenn man mit Menschen redet, die das gleiche erlebt haben. Die selbst schon zur nächsten Reise sparen. Die dich auffangen und abholen, dich trösten, „es wird besser“ und tatsächlich wissen, dass es so ist, weil selbst erlebt. Die anderen, die es nicht erlebt haben, werden niemals verstehen wie es ist. Und das ist ok, aber sie können dir nicht helfen.

Die Lösung: sich Zeit lassen. So wie man das im Ausland tat. Ankommen, auf die eigene Weise. Nichts überstürzen. Sich an die neuen Eigenschaften erinnern, die man auf der Reise gelernt hat und beibehalten möchte. Nach ein paar Tagen resümieren, was man nicht geschafft hat zu sehen, und es auf die Liste der kommenden Reise packen. Sich von den „Normalos“ nicht verunsichern lassen. Ganz sachte zurückkehren, nur das nötigste machen. Nicht gleich mit dem Berg anfangen. Vielleicht auch: Hilfe holen. So wie man den fremden Herrn im Zug auf Englisch bat, den schweren Rucksack ins Gepäckfach zu hieven. Mit Hilfe geht es manchmal leichter. Vor allem aber: reden. Viel reden. Erklären wie man sich fühlt. Oder aufschreiben. Sich erinnern.

Es heißt, wenn dich der Travel-Bug einmal gebissen hat, lässt er dich nicht mehr los.

Ich kann sagen: Oh dear, das ist so wahr!