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Wie ich werde, obwohl ich schon bin.

Ich warte immer noch drauf, dass es passiert. Der große Knall. Der Graben. Es geht mir schon viel zu lange gut. Die Angst wird noch lange in mir wohnen. Niemand kann das so verstehen wie ich. Was ich gesehen und erlebt habe.

Wenn ich ins Büro gehe, habe ich Angst, dass jemand sagt, jetzt musst du gehen. Jedes Wort in jeder Konversation, ich überprüfe, hinterfrage mich, hast du jetzt das richtige gesagt, warst du zu unfreundlich, zu ungeduldig? Doch irgendwann werde ich müde zu überprüfen. Nur mal kurz loslassen. Fühlen wie sich das anfühlt, wie die anderen zu sein. Die Arbeit macht so viel Spaß, ich weiß nicht wie ich klarkommen soll.

Heute abend habe ich zwei Stunden auf dem Balkon unter einem wunderschönen Blau mit rosa Wolkenschwaden gesessen und: nichts getan. Ich bin überfordert damit, Optionen zu haben. Gehe ich in die schöne Küche, oder gehe ich nochmal raus, oder lungere ich auf dem Balkon rum und lasse warme Abend-Musik über Airplay laufen, oder was? Ja, ich weiß, ihr lacht mich jetzt aus. Manchmal schüttele ich selbst den Kopf. Aber aus anderen Gründen.

„Ich allein gegen all die roten Ampelmännchen
Dir warnend Arm und Arm ausbreiten
Ich weiß nicht so genau ob das noch Straßen sind
die mich Richtung morgen leiten“

Neulich war ich auf dem zweiten Kölner Konzert von Spaceman Spiff. Das tat richtig gut, mal was zu machen nach Feierabend. In den völlig überfüllten Pendler-RE und ab nach Köln: Abenteuer. Hach, Heimat. Im Artheater war ich noch nie. Da hängen große goldene Bilderrahmen und Hirschgeweihe an den Wänden. Richtig gut ist es da. Vorne gibt es einen Barraum mit Theke und Sesseln wo man mit seiner Bionade herumwarten kann, bevor es hinten in den Bühnensaal geht. Hannes von Spaceman Spiff hat die Cellistin Clara und seine Schwester Sabine als zweite Bassistin/Keyboarderin mitgebracht. Zusammen musizieren sie ganz fuchtbar schöne Musik, und wir sind hingerissen, sogar Hannes, der sagt „Ach Köln <3“. „Werden muss jeder für sich allein“ und „Vorwärts ist keine Richtung“ – genau das habe ich jetzt gebraucht. Ich singe Uralt-Lieder vom Dockville 2011 mit, wo ich den Spaceman kennenlernte, im Schlamm mit den Gummistiefeln eingesunken und bei strömendem Regen. Hier kennt die keiner mehr. Meine beiden heimlichen Lieblingssongs „Photonenkanonen“ und „Mind the Gap“ hauen mich live um, so gut sind sie. Hannes hat dieses Wiederholgerät dabei und baut daraus mit Gitarre und Geräuschen und Stimme und Clara’s Cello ein Klangspektakel, das ausklingt, als er von der Bühne geht. Dramatisches Outro. Kameraschwenk über den Ozean. Zweimal klatschen wir ihn raus.

Es tut gut, etwas Gestern im Heute zu haben, ohne zu sehr zu schwelgen. Diese Musik begleitet mich im Bus, in der U-Bahn, seit sieben Jahren nun schon. Ist ein Teil von mir geworden. Danke lieber Spaceman <3

Am Ende staube ich noch ein Poster mit Unterschriften ab. Clara malt eine Pusteblume drauf. Chrisi geht rotglühend fröhlich hüpfend nach Hause 🙂

Hier ein Video (jaja ich weiß das soll man nicht, aber ich musste es einfach tun) und ein paar Bilder:

 

Ein paar Tage später sehe ich mit meiner Freundin noch einen Schottlandvortrag im Kinopolis von Fotograf Olaf Schubert. Neben uns sitzen viele Aktivsenioren in Jack Wolfskin-Jacken. Das finde ich aber ok, denn das sind die Leute die wirklich Lust auf das Land haben und keinen Pauschalurlaub wollen. Herr Schubert plaudert aus dem Nähkästchen seiner Reiseerfahrung und berichtet vom Übersetzen mit dem einzigen Boot auf die Hebrideninseln, seinen Wanderungen auf den manchmal schneebedeckten Bergen und was man so zwischendurch unternehmen und erleben kann. Am besten finde ich den Bericht über eine Distillerie-Führung (Glenmorangie). Sowas muss ich auch mal machen. Schubert rät, in die kleinen Distillerien zu gehen, da ist es familiärer und man tut was gutes für die lokale Ökonomie. Dann zeigt er noch ein Video von einer Berg-Wanderung, die in nur 24 Stunden von Sonnenschein zu Schnee und Regen umschlägt. Ehemalige Schotterwege sind plötzlich reißende Flüsse. Beeindruckend und belehrend: die Natur spaßt nicht. Man muss immer vorbereitet sein. Natürlich packt mich das Fernweh und mir fallen viele Dinge von meiner Backpacking-Tour ein. Ich finde es schön so entspannt im Kinosaal neue Ecken von Schottland zu entdecken. Der Vortrag ist wirklich spannend und überhaupt nicht „touristisch“. Jetzt muss ich nur noch schauen wie und wann ich wieder dorthin komme. Aufgrund meiner neuen Arbeit kann ich nämlich demnächst erst Urlaub nehmen und Schottland muss man ja bekanntlich früh buchen. Mal sehen. Vielleicht warte ich auch noch ein Jahr. Jedenfalls war es toll ein bisschen Urlaubsstimmung und weite Landschaftskulissen in den Kopf und das Herz zu bekommen. Kann ich wirklich sehr empfehlen, diese Vorträge.

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