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Bonn und das Schwimmbad

Vor etwa drei Wochen bin ich meiner Bürgerpflicht nachgegangen und habe im ersten Bonner Bürgerentscheid abgestimmt. Es ging darum, ob das Bad Godesberger Kurfürstenbad wiedereröffnet und saniert werden soll. Man konnte mit „Ja“ oder „Nein“ abstimmen.

Man muss dazu wissen dass die Bädersituation in Bonn schon seit Jahren prekär ist. Es fehlt Geld für die Sanierung der alten aber sehr beliebten Bäder. Schon oft stand das Melbbad auf der Kippe, ein Freibad, ohne das ich mir Bonn gar nicht vorstellen könnte. Bonn geht es finanziell schlecht, aus vielen Gründen. In den letzten Jahren hat auch der Skandal um das WCCB dazu beigetragen, bei dem Fehlkalkulationen und ein Betrüger dafür gesorgt haben, dass die Bonner Steuerzahler kräftig draufzahlen mussten. Kurz darauf ging es auch Theater und Oper an den Kragen. Immer setzten sich Bürger dafür ein dass Bonn seine Persönlichkeit und seine kulturelle Vielfalt behält. Denn Oper, Theater, Konzertsäle, Schwimmbäder, all das sind Orte des sozialen und kulturellen Austauschs. Dort finden sich Bonner zusammen in ihrer Freizeit, um ein Erlebnis zu haben, um Freunde zu treffen, um sich über das Neuste zu unterhalten. Gerade im Rheinland bedeutet das eine ganze Menge. Der Rheinländer lebt und liebt diesen Austausch.

Was der Rheinländer toleriert aber nicht mag ist Klüngel. Manchmal ist er zum Vorteil, manchmal schadet er aber auch. Klüngel bedeutet: Beziehungen. So wie im Fall dieser Abstimmung. Denn der neue Bürgermeister, Ashok Sridharan von der CDU, möchte, dass die Diskussion um die Sanierung alter Bäder ein Ende hat. Er möchte ein schönes neues Schwimmbad bauen und die alten Bäder schließen. Das ist politisch und sachlich nachvollziehbar. Menschlich frage ich mich jedoch, wie jemand, der in Bonn lebt und groß geworden ist, Finanzen vor das allgemeine Kulturgut seiner Stadt stellen kann. Seine Aufgabe wäre es, eine gute Lösung zu finden, die allen nützt. Diese Schwimmbäder gehören zum Leben in Bonn.

Herr Sridharan möchte aber einen Deal mit den Stadtwerken Bonn, denen das Grundstück gehört, auf dem das Bad gebaut wird. Die Gelder für die Sanierungen der alten Bäder fließen dann in andere Projekte im Haushalt, den Großteil des Bades finanziert die SWB, die Lage ist gut, alle sind glücklich. Eine Win-Win-Situation. Nach der Fertigstellung des Bades würden die Massen dorthin strömen und Herr Sridharan würde gefeiert werden für seine vorausschauende und langfristig finanziell sinnvolle Idee.

Flyer zum neuen Schwimmbad, in dem die Kosten als bisher nicht kalkulierbar angegeben werden.

Doch wenn das alles so einfach wäre, warum regte sich dann schnell starker Widerstand? Warum lief die Informationskampagne so seltsam ab? Warum erfuhr man nicht rechtzeitig von der Stadt, dass sich auf dem Gelände des neuen Schwimmbades eine Kiesgrube befindet und zudem Müll liegt, der entsorgt werden muss? Warum gab es plötzlich polarisierende Diskussionen der Parteien in Online-Foren und sozialen Netzwerken? Warum taucht zwei Tage vor Ende des Wahlzeitraums, also zu einem Zeitpunkt, als die meisten Bonner schon gewählt hatten, dieser Artikel auf, der die angeblich bereits geklärte Finanzierung des Bades in Frage stellt?

Hintergrund der Planung mit Info zur Kiesgrube auf dem Gelände

Nun aber haben die Bürger auf Basis unvollständiger Tatsachen abgestimmt. Der Bürgerentscheid ist gescheitert, weil den Bürgern etwas Tolles, Neues versprochen wurde, ohne alle Hintergründe zu kennen. Wenn doch angeblich alle Bürger in einer Bürgerwerkstatt mit in die Planungen einbezogen wurden, warum haben sich dann rund 48% der Wähler für den Erhalt der Schwimmbäder ausgesprochen?

Was mich am meisten irritiert: Ohne die internen Informationen von Freunden und Bekannten, die sich in der Stadt engagieren, hätte ich übrigens von all dem gar nicht erst erfahren.

Folgendes wurde von der Stadt nicht richtig bedacht:

  • die kulturelle Bedeutung der Bäder für die Bonner
  • die standorttechnische Bedeutung der Bäder
  • die erziehungswissenschaftliche Bedeutung, z.B. für das Schulschwimmen
  • eine für alle verständliche Offenlegung der finanziellen Lage der aktuellen Bäder, des neuen Standortes und dessen baulicher Situation
  • eine transparente Offenlegung der realen Kosten des neuen Bades, inklusive aller möglichen Probleme

Veränderung ist gut, und das wissen auch die Bonner. Ich selbst finde es eine großartige Idee, ein neues Schwimmbad zu bauen. Was ich nicht mag, ist belogen oder nicht richtig informiert zu werden. Und was ich nicht mag, ist, wenn es auf Kosten anderer geschieht. Und vor allem mag ich es nicht, wenn die Stadt Bonn, die wirklich schon genug Skandal für ein ganzes Leben hatte, ein Konzept so undurchdacht und inkompetent umsetzt. Und das ist nicht das erste Mal. Ich habe bei der Begehung des Viktoriakarrées mitbekommen, wie die Stadt Bonn agiert hat, nur um ihre eigenen Interessen umzusetzen. Ich bin sehr dankbar dafür, dass es Bonnerinnen und Bonner gibt, die aufpassen und diese Entscheidungen und Pläne in Frage stellen und die Bürger darüber informieren. Wenn die Stadt wirklich ein Interesse an Transparenz hätte, wäre es ihre Aufgabe, die Bürger zu informieren.

Ich selbst war noch nie im Kurfürstenbad schwimmen. Und auch im Frankenbad war ich ewig nicht mehr, weil ich lange Zeit außerhalb studiert habe und erst jetzt nach Bonn zurückgekehrt bin. Ich weiß aber, wieviele Anwohner dort ihre Bahnen ziehen oder zogen, und wieviele Eltern mit ihren Kindern dort schwimmen gingen und gehen und wie wichtig die Nähe der Bäder zu den lokalen Schulen ist. Es geht hier nicht um mich. Es geht darum, für die anderen Bürger mitzudenken. Und etwas zu erhalten, was man vielleicht zum jetzigen Zeitpunkt nicht selbst benötigt, aber vielleicht in der Zukunft dankbar dafür sein wird. Ich sehe oft auf dem Vorplatz des Frankenbades, wie dieser Ort die Menschen im Viertel verbindet. Es geht hier nicht nur ums Schwimmen, wir alle wissen wie es um die Bäder steht. Es geht um Verständigung, Verbindung,  Orte zu schaffen die die Menschen zusammen bringen. Ein einziges großes Freizeitbad mag Menschen an einem Ort zusammen bringen, aber leere Plätze ohne Schwimmbäder an vielen Orten in der Stadt schaffen Distanz in der Nachbarschaft. Und finanzielle Skandale und Intransparenz schaffen Distanz zur Politik. Bei der derzeitigen Situation in Europa nicht der richtige Weg.

Mir wäre es zehnmal lieber, schwarz auf weiß die Zahlen zu lesen, die ein neues Bad verursacht. Zu wissen, dass eine Partnerschaft mit der SWB nicht ausreicht um die Kosten zu decken und ich als Steuerzahler dazuzahlen muss. Aber ich erwarte auch von der Stadt, dass sie bedenkt, was diese Veränderungen bedeuten, und dass sie alle ihre Ressourcen nutzt, um die beste Lösung für alle zu finden. Die kompetentesten Stadtplaner und Architekten engagiert, um Räume zu schaffen, die auch in Zukunft die Menschen verbinden. Und nicht eine nicht-füllbare Leere hinterlassen. Was Bonn braucht sind Ehrlichkeit, Transparenz und Perpektiven. Und genau die sehe ich in der derzeitigen Stadtverwaltung und der Leitung durch den Bürgermeister nicht. Was die Stadt und der Bürgermeister übersehen ist, welche Macht und Kompetenz die Bewohner haben. Und dass Zusammenarbeit fruchtbarer und auch für die eigene politische Karriere erfolgreicher sein kann als von oben herab Entscheidungen über die Köpfe der Menschen hinweg zu treffen. Niemand ist hier dumm. Wir alle interessieren uns dafür, was um uns herum geschieht. Und wir alle leben hier zusammen in dieser Stadt. Dann lasst uns doch bitte auch gemeinsam planen, entscheiden und handeln.

Ich liebe Bonn. Hier ist meine Heimat. Und ich hoffe, dass diese offene, gemeinschaftliche Atmosphäre, in der alle Bürger das Gefühl haben, dass sie ein Mitspracherecht haben, auch noch in vielen Jahren besteht.

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