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More money, more problems.

In den letzten Wochen habe ich mir viele Gedanken über Lebensstandards gemacht. Für mich ist es eine völlig neue Erfahrung, jeden Monat ein Gehalt zu bekommen. In der Ausbildung gab es das auch, aber das war ein geringer Betrag, der kaum zum Leben reichte, damals war man jung und hatte keine Ahnung, wie man Geld verwalten soll, keine Pläne für die Zukunft, keine Sorge, dass man die Familie nicht wird ernähren können. Ich bemerke, wie ich mich verändere. Früher habe ich mühsam arbeiten und sparen müssen, um mir etwas zu leisten. Doch was dahinter geschieht, sieht niemand.

Nach außen hin: Fotos von Cafés und Einkäufen und Essen auf Tellern auf Instagram.

The real life: Im Café die letzten 5-Cent-Stücke zusammengekratzt, um das Stück Kuchen bezahlen zu können. Mit einem Teil des Geldes für die Miete günstige Schallplatten gekauft, damit man sich auch mal was gönnen kann.Das Essen im Restaurant von der Mutter des Freundes bezahlt bekommen. Verzweifelte Nachrichten an den Vater, weil man schon wieder die Semestergebühren nicht zusammen bekommt.

Nach außen hin: Eigene Wohnung statt WG.

The real life: Schon die vierte Rückbuchung diesen Monat, weil das Konto nicht gedeckt war. Rückbuchungsgebühren von 10 Euro pro Betrag an die Sparkasse und das Strom-Unternehmen als Aufschlag. Den Lebensunterhalt mühsam im Nebenjob erarbeitet und müde über den Uni-Notizen eingeschlafen und am Ende reicht es doch nicht. Aus schwierigen persönlichen Gründen nicht in einer WG wohnen können.

Nach außen: schickes Outfit.

The real life: Die Jeans achtmal genäht, weil sie immer wieder reißt. Seit über 2 Jahren getragen. Sachen tragen die alt und zu klein sind, als gar nichts zu haben. Jeden Neukauf an Klamotten durchrechnen und vor sich selbst rechtfertigen. Die Strumpfhose für den Winter stopfen bis sie endgültig auseinander fällt. Stiefel bis in den Sommer tragen, bis es für gute neue Schuhe reicht.

Nach außen: Butterbrot twittern

The real life: verschwiegen, dass man sich seit drei Tagen von Broten ernährt, weil man kein Geld zum Einkaufen mehr hat. Seit drei Tagen kein warmes Mittagessen. Selbst die Mensa zu teuer. Abends mal ohne Abendessen ins Bett.

Und trotz alledem immer noch innerlich glücklich sein können weil man es satt hat sein Leben von anderen bestimmen zu lassen. Lieber Verzicht als Schulden. Anderen bis zur Selbstaufgabe helfen, weil man weiß wie schwer es sein kann. Kämpfen, in der Hoffnung dass es irgendwann Früchte trägt.

So sah mein Leben die letzten Jahre aus. Nicht immer, aber sehr, sehr oft.

Und jetzt ist da Geld, und ich weiß, dass es nicht glücklich macht. Nicht mich. Geld war für mich immer nur Mittel zum Zweck. Wenn man welches hat, fängt man an zu vergleichen. „Ach, das kostet ja nur xx Euro mehr, nehm ich das teurere.“, „Ach, gönn ich mir doch auch mal was.“ Manchmal ist das schön, und verdient, und dann genieße ich das auch. Aber mich gruselt es. Denn manchmal kann es auch ganz schön sein etwas nicht zu bekommen. Und dieser plötzliche Wechsel von nichts zu viel irritiert. Sich fragen, darf ich das jetzt? Im Supermarkt beim Großeinkauf die alte Angst, dass das Geld nicht reicht. Aber plötzlich reicht es. Eine Weile. Plötzlich habe ich Angst, beneidet zu werden. Weil ich in der Lage bin, die ganze Familie im Café einzuladen. Weil ich plötzlich neue Kleidung trage, und ein neues Smartphone habe. Doch wer mich kennt, der weiß, dass das nur das Äußere ist. Mir bedeutet das nichts. Wie schade ist es, dass man oft nur nach dem Äußeren beurteilt wird. There’s always two sides to the story. Mein letztes Smartphone kaufte ich 2012. Das war für mich, als kaufe man ein Haus. Bloß dass man nach zwei Jahren nur noch eine Bruchbude hat.

Wie geht man mit so etwas um? Darf man sich freuen? Ich finde schon. Aber darf man deshalb aufhören, darüber nachzudenken und sich zu fragen, ob es richtig ist? Ich habe noch keine Antwort gefunden. Derzeit beobachte ich mich selbst. Beobachte andere. Völlig ohne Wertung. Jemand sagte neulich, mit steigendem Einkommen steigen auch die Ansprüche an das Leben. Und dass das in Ordnung sei. Aber ist es das? Ist das der natürliche Weg, oder eine gesellschaftliche Norm, oder das Versagen der eigenen Kontrollmechanismen?

Und das hat nichts damit zu tun, dass ich es nicht verdient hätte. Ich denke das habe ich, ich habe hart dafür gearbeitet. Aber manchmal wünsche ich mir auch die gute alte Zeit zurück, in der ein Stück Kuchen mit den letzten Cent im Portmonnaie wie Weihnachten für mich war. Vermutlich werde ich es noch eine ganze Weile halten wie Seneca, der immer das „Mittlere“ präferierte. Nicht zu viel, nicht zu wenig. Wenn man sich einmal am Feuer verbrannt hat, brennt der Schmerz noch lange nach, und man macht um Herdplatten einen distanzierten, nachdenklichen Bogen.

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  1. Vor ein paar Jahren machte ich mir ähnliche Gedanken. Ich fand, dass ich selbst super spießig werde. Nach einigen Gedanken dazu viel mir auf, dass das gar nicht so schlimm war und sowas auch ein bisschen Glücklich machte. Es tat gut, sich nicht nur hin und wieder einfach mal was zu gönnen, sondern es tat noch viel besser, den Alltag zu genießen. Das Große Glück ist oft gar nicht das, was sich mit dem großen Geld kaufen lässt, sondern eher die Summe der vielen kleinen alltäglichen Glücksmomente. Freu dich morgens über die Jeans, die keine Löcher hat. Mittags, dass du das von der Karte wählen kannst was schmeckt. Und Abends, dass man in der Stadt ist, die man liebt, auf dem Sofa das man mag. Zwei Jahre später freue ich mich immer noch über mein Alltagsglück und bin viel entspannter in allen Belangen.

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  2. Schöner Beitrag. Ich weiß noch wie ich mich freute als ich mein erstes „echtes Gehalt“ auf dem Kontoauszug zu sehen.

    Ich komme aus einem ganz anderen Verhältnis zu Geld: Ich hatte früher so gar keinen Bezug – kein Gefühl – für Geld. Erst mit dem eigenen Gehalt, Versicherungen und einem Haushaltsbuch kamen langsam die Antworten zu „Was kann vs. will ich mir leisten?“, „Was kann ich monatlich zurücklegen?“ etc.

    Mit mehr Geld gibt es aber auch die Möglichkeit Rücklagen zu bilden sofern am Monatsende noch etwas übrig bleibt. Gönne dir was, aber denke auch über zukünftige größere Anschaffungen nach und leg immer etwas beiseite, denn irgendwas kann immer passieren wofür du plötzlich etwas mehr Cash brauchst. Und denk an deine Absicherung (priv. Haftpflicht, BU, Hausratsversicherung?) und denk vll. schon etwas an Übermorgen („Wieviel Rente ist mir im Alter sicher?“, „Reicht mir das, oder will ich da noch etwas dazutun?“). Aber in der heutigen Zeit der Niedrig- oder sogar Negativzinsen auf der Bank, wo das Geld nicht mehr für einen arbeitet indem es ruhig auf dem Girokonto liegt kann ich dir nur raten: Sichere dich zu oben genannten Punkten ab und nutze das was übrig bleibt für dich, deine Freizeit oder für Wertanschaffungen oder schau, wo du noch Zinsen bekommst für dein Geld (Bausparverträge, Tages- oder Festgeldkonten).

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