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Verdammte Filterbubble.

Am Montag war ich nach gaaanz langer Zeit mal wieder beim Webmontag Bonn. Lina organisiert den seit Jahren vorbildlich und großartig und ich wollte einfach mal wieder unter guten Leuten sein.

Diesen Montag hielt Johanna vom bonn.Lab einen Vortrag über das Projekt #bonnfiji. Dabei geht es um Unterstützung und Aktionen zum UN-Klimagipfel, der vom 6.-17. November 2017 anstelle auf dem viel zu kleinen Fiji in Bonn stattfindet (Fiji ist eigentlich Vorsitz für den Gipfel in diesem Jahr). Um die 20.000 Delegierten und Mithelfenden unterzubringen sucht die Stadt Bonn dringend private Unterkünfte. Jeder kann also mithelfen, indem er einfach einen Schlafplatz zur Verfügung stellt. Sich informieren kann man auf Facebook hier und hier sowie bei der Stadt Bonn. Der Vortrag von Johanna war echt toll und sie zeigte, welche Aktionen schon durchgeführt wurden und geplant werden.

Johanna bat zu Beginn um eine kurze Vorstellungsrunde, um zu erfahren, was jeder einzelne Anwesende für den Klimaschutz tut. Da kamen ganz tolle, lustige und erschreckende Antworten zustande:

  • auf www.kaufnekuh.de kauft sich jemand gutes Fleisch vom Bauern, um CO2 einzusparen und bewusst zu essen
  • ein Teilnehmer arbeitet in einem Unternehmen, das laut eigener Aussage für 5% der CO2-Emissionen verantwortlich ist (es ging um DHL)
  • ein Teilnehmer trennt weder Müll noch achtet sehr auf die Umwelt, da sich Mülltrennung als problematisch und skandal-behaftet herausgestellt hat
  • ein Teilnehmer hat sein Auto aufgegeben und fährt nur noch mit Bus, Bahn und Fahrrad
  • viele der Anwesenden geben Kleider in die Kleiderkammer/Nothilfe, leben minimalistisch, kaufen lokales Obst und Gemüse oder trennen Müll

Im Publikum saßen neben vielen, vielen Klimawandel-Interessierten jedoch auch zwei Gegner. Einer war der Meinung, dass der Klimawandel nicht menschengemacht ist und wir daher auch nicht wirklich etwas dagegen tun müssen, der andere hielt es für fatal, auf fossile und atomare Energie zu verzichten, da ein sauberer Übergang zu regenerativen Quellen nicht möglich sei. Und das taten beide lautstark und lang in der Vorstellungsrunde und auch später während des Vortrags kund.

Und da explodiert ja dann was in mir. Mit dem zweiten Teilnehmer habe ich mich dann trotzdem mal unterhalten, weil ich mir neulich geschworen habe, aus meiner Filterblase herauszukommen. Was bringt einen Menschen dazu, so eine Haltung einzunehmen? Das wollte ich unbedingt erfahren.

Seine Argumente basieren zum einen auf der Tatsache, dass wir noch nicht die Speicherkapazitäten besitzen, um regenerative Energie verlustarm zu speichern, um sie später wiederzuverwenden. Zudem war er der Meinung, dass es Verschwendung sei, noch funktionierende Kraftwerke zu schließen, nur um Prävention zu betreiben. Die zweite Hälfte der Waagschale waren für ihn Statistiken und Zahlen, die besagen dass Atomkraft und Kohlekraftwerke weniger Todesfälle und Katastrophen verursachen als angenommen. Auf meine Frage hin, ob er ein Atomkraftwerk direkt neben das Haus seiner Familie bauen lassen würde, nur um immer genug Strom zu haben, sagte er „ja“. Seiner Ansicht nach sei die Wahrscheinlichkeit, dass etwas passiere, viel zu gering.

Kinnlade -> unten. Wie das immer so ist fallen einem in diesem Moment nicht die passenden Gegenargumente ein. Ich hätte nur Elon Musk’s Powerwall erwähnen müssen, oder Pelletspeicher, und diverse andere Speichermöglichkeiten. Oder eine Statistik aufzeigen, die beweist, dass Atomkraft verdammt gefährlich ist. Aber in so einer heißen Diskussion geht das nicht mit dem Googeln. Denn das wäre ein Keine-feste-Haltung-Eingeständnis. Oder?

Also habe ich versucht, ihm meine Sicht der Dinge darzulegen. Nämlich dass man vor 100 Jahren genau so wenig von Kohle und Gas überzeugt war, weil man viel zu viel Angst davor hatte und nicht wusste, wie sich die Zukunft entwickelt. Aber damals hat man eher weniger an die Zukunft gedacht und es einfach gemacht. Heute weiß man immer noch nichts über die Zukunft, aber man hat aus schlechten Erfahrungen gelernt. Meiner Meinung nach übertrumpft das eine „Scheißegal“-Haltung, weil man einen Vergleich hat. Außerdem wollte ich von ihm wissen, ob er jemanden in seinem Umfeld kennt, der schon einmal von einer Klimakatastrophe betroffen war. Tat er nicht. Es ist nämlich imho immer leicht, etwas für gut zu befinden, wenn man selbst noch nicht negativ davon betroffen war. Zudem machte ich ihm klar, dass bisher noch niemand von einem umfallenden Windrad oder eine heruntergefallenen Solarzelle gestorben ist, und das auch in Zukunft nicht sehr wahrscheinlich ist, von Atomunfällen allerding schon sehr viele Menschen gestorben sind.

Das eigentlich Schlimme aber war, dass ich ihm im Grundsatz Recht geben musste. Auch wir Klimaschutzbefürworter verlassen uns auf Zahlen, nur eben andere. Und ein Atomkraftwerk nur abzuschalten weil es kaputtgehen könnte ist totale Verschwendung. Nur die Folgerung daraus ist für mich eine andere. Befürworter wissen nämlich auch nicht, was in 100 Jahren ist. Aber sie versuchen, es vorherzusagen und handeln dementsprechend vorausschauend. Sie sehen das große Ganze, nicht nur sich selbst. Sie wiegen Risiken gegeneinander ab: wie groß ist das Risiko für einen Atomunfall im Vergleich zu dem Aufwand, die Energie durch ungefährliche Maßnahmen zu erzeugen. Menschenleben steht über Energie und Geld. Und das ist sehr beruhigend. Dieser Gegner schaut aber nur auf das Jetzt, will jetzt versorgt sein, und vertraut auf Statistiken (die man erst noch zeigen müsste), obwohl er selbst noch nie persönlich die Bedrohung kennengelernt hat. Zudem finde ich es wagemutig, als Nicht-Atomkraftexperte ein solches Vertrauen in etwas zu haben. Ich kann etwas erst einschätzen, wenn ich mich im Detail damit auskenne. Dafür gibt es Klimaforschung. Aber hier ist die Krux: dann müsste jeder von uns zum Klimaexperten werden, um daran glauben zu können.

Ihr merkt also, das ist alles nicht so einfach. Im Prinzip treffen hier zwei Wertevorstellungen aufeinander, die auf Erfahrung aufbauen. Ich habe schon persönlich gesehen und erlebt, wie Hochwasser immer häufiger auftritt und man flüchten muss und alles verliert (meine Schulfreunde waren betroffen), wie wenig Schnee fällt, wie warm es im Winter und viel zu nass oder viel zu warm im Sommer ist. Aber Klima verändert sich nicht in Tagen oder Wochen, sondern in Jahren und Jahrzehnten, deshalb ist es für den Menschen so schwer zu fassen.

Ich denke mir dazu immer: es ist besser und einfacher, jetzt etwas zu tun, das uns nicht in unserem Leben einschränkt, als später mit den katastrophalen Folgen leben zu müssen. Wissenschaft basiert auf Beweisen, und eine aufgeklärte Gesellschaft vertraut darauf, weil alles nachprüfbar ist. Und wenn ich lese dass Wale seit Beginn der Aufzeichnungen an einem Ort blieben und plötzlich diesen Ort verlassen, weil sich dort nachweislich die Lebensbedingungen verschlechtert haben, und dies plötzlich ganz viele Tiere tun, dann frage ich mich als aufgeklärter Mensch, warum das so ist. Wenn Dinge so häufig auftreten, sodass sie mir selbst schon komisch vorkommen, dann beginne ich, Fragen zu stellen.

Ich persönlich denke also lieber vorausschauend und für alle mit, als für mich persönlich einen Nutzen aus etwas zu ziehen. Aber ich vertraue eben auch auf wissenschaftliche Fakten. Viele andere Menschen glauben eher an den Elfenbeinturm-Wissenschaftler, der einfach etwas behauptet, es aber nicht beweisen kann. Oder an den Populär-Wissenschaftler, der Aufzeichnungen in eine völlig andere Richtung interpretiert, nur damit sie ihm selbst am meisten nutzen. Aufgeklärtes Verhalten hat also etwas mit Weitsicht zu tun. Und diese Weitsicht konnte ich bei besagtem Herrn in keiner seiner Aussagen finden.

Mir hat dieses Gespräch gezeigt, dass ich zum einen dringend die Kriterien der Auseinandersetzung mit der Nicht-Filterblase festlegen sollte – denn es gibt auch einfach Idioten, die alles durch den Dreck ziehen, an das du glaubst, nur um sich daran zu bereichern. Ich bin mir nicht sicher ob es sich lohnt, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Das zu erkennen ist jedoch auch noch so eine Aufgabe. Zum anderen habe ich mir vorgenommen, fehlende Argumente zu recherchieren, sodass ich beim nächsten Gespräch damit überzeugen kann. Und so Stück für Stück lerne. Ob das Gegenüber dir aber am Ende glaubt, ist eine andere Geschichte.

Interessant fand ich jedoch den Ansatz, sich nicht mehr auf den Schuldigen für den Klimawandel zu fixieren. Stattdessen, so Johanna, solle man sich auf die Bekämpfung und Behebung der Folgen konzentrieren und künftige Generationen schützen. Denn die Frage, ob der Klimawandel in Teilen ein natürlicher Prozess ist, werden erst Generationen nach uns mit absoluter Sicherheit beantworten können. Dass der Mensch einen Anteil hat ist jedoch sicher, nur die Größe des Anteils kennen wir noch nicht.

Für mich war das ein interessanter, aber auch ganz schön anstrengender Abend, der mir wieder einmal gezeigt hat, dass Diskussion und Verstehenwollen Arbeit ist, die nicht immer Früchte trägt und manchmal weh tut, aber am Ende immer eins bringt: Erkenntnis. Und die Hoffnung, dass man doch einen Eindruck beim Gesprächspartner hinterlassen hat, der zum Nachdenken anregt.

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