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Von Filterblasen und Lesungen.

Auch mich haben die Entwicklungen der letzten Woche etwas überwältigt. Ich starrte morgens um sechs Uhr mit müden Augen auf Twitter und dachte „Ist das der ihr Ernst?!“ Auch wenn ich nicht naiverweise geglaubt hatte, dass Hillary gewinnt, weil ich gesehen habe was hier in Deutschland mit der AfD passiert ist, so machte mich doch diese Wand an roter Farbe in der Bundesstaaten-Karte sprachlos.

Ich habe schon länger Schwierigkeiten mit der traditionellen us-amerikanischen Mentalität. Ich meine damit die Ansichten und Traditionen der Südstaaten-Bewohner. Ich bin mal auf Instagram einer jungen Frau aus den USA gefolgt, die tolle sportliche Kunststücke zeigte. Eines Tages postete sie jedoch ein Bild mit einer Waffe und einem fröhlichen Kommentar á la „Heute schieße ich aus Spaß mal ein bisschen auf dem Feld in der Gegend herum.“ Sorry, aber da kann ich noch so sehr versuchen, den Menschen dahinter zu sehen, jemand, der glaubt dass eine Waffe ein „Spielzeug“ ist oder sie ihn sicherer macht kann ich einfach nicht ernst nehmen. Ich habe die Dame dann entfolgt. Doch macht es das besser? Die Probleme dieser Welt gehen nicht einfach weg wenn man sie ausblendet oder aus der Timeline entfernt. Ich folge schon länger auf Twitter diversen kontroversen Accounts von Minderheiten in den USA und Europa, aber auch Menschen, die sehr polarisieren mit ihren Aussagen, verfolge Aufstände und Kampagnen und lese viel nach, wenn etwas nicht in unseren Medien auftaucht (z.B. #StandingRock). Oftmals ekelt es mich an. Verstört mich. Verursacht Gedankenstürme bis tief in die Nacht. Aber ich möchte nicht einem Filteralgorithmus verfallen, den man mir aufzwingen möchte. Ich möchte auch das sehen was mir nicht gefällt, um zu verstehen, wie es anderen Menschen da draußen geht. Und trotzdem ist das manchmal verdammt schwer zu ertragen. Menschen wie ich, solche mit Helfersyndrom, möchten dann aufspringen und sofort etwas tun. Aber die Dinge sind meist viel komplizierter als sie an der Oberfläche erscheinen, haben eine Geschichte, in der vieles geschehen ist, was man nicht mehr so einfach ungeschehen machen kann.

Eine entfernte Verwandte von mir lebt in den USA und schrieb mir nach der Wahl, wie ängstlich sie nun wäre. Die Lebensbedingungen in ihrer Stadt seien schon Jahrzehntelang sehr schlecht, viele hangeln sich von einem Job zum nächsten, wenn es überhaupt Jobs gibt. Studieren kann sie gleich vergessen, 60.000 Dollar Schulden wolle sie nicht haben. Und ich sitze hier mit meinen lächerlichen 230 Euro Semestergebühren und frage mich, wie es so weit kommen konnte. Wie es kommen konnte dass mir trotz widriger Umstände die Türen zu Bildung und Arbeit offenstehen, und ein Mädel in meinem Alter auf der anderen Seite des Erdballs täglich um ihr Überleben kämpft und das nehmen muss was sie kriegt. Das ist unfair.

Ich habe mir nun vorgenommen, etwas zu tun. Twittern und Retweeten ist ja ganz nett, aber ich bin mir schon ziemlich lange ziemlich sicher dass die heimliche Beschreibung für Twitternutzer als „Bildungselite“ und „Nachrichtenelite“ zutrifft und sich nur wenig der tatsächlich betroffenen Menschen auf diese Plattform verirren. Und auf Facebook und in den anderen Netzwerken sind sie der Filterblase ausgeliefert, ob sie wollen oder nicht (Edit// Wie man das ändern könnte, steht z.B. in diesem Techchrunch-Post). Ich deinstallierte neulich die Facebook-App, weil sie ungefähr zu 80% anderen, unerwünschten Content zeigte als die Webseite. Das muss man sich mal überlegen!

Um etwas zu tun werde ich mich mit einem Bekannten unterhalten, der sich lokalpolitisch engagiert. Ich möchte gerne mal hören, ob er da was empfehlen kann. Ich möchte keine lokale Politik betreiben, ich möchte etwas tun um an die Menschen heranzukommen, die sich abgehängt fühlen von Politik und Staat. Wie erreicht man die? Wie konnte es dazu kommen, dass sie sich so alleingelassen fühlen? Das sind Fragen die mich interessieren. Sollte der politische Ansatz nichts bringen, werde ich mich mal bei der Stadt Bonn schlau machen und mal Studien dazu recherchieren. Von der Landtagswahl gibt es ja genaue Wahlkarten für jeden Ortsteil. Da erkennt man bestimmt schonmal Zusammenhänge. Vielleicht aber auch nicht. Versuch macht klug.

Derweil lese ich bei Anne Schüssler, die über ihre kleine Filterblase schrieb, dass Filter schon bestanden bevor es das Internet gab (sowieso fällt mir grade auf dass fremde Blogs lesen das Miteinander & das Erweitern des eigenen Horizontes fördert, sollte ich mal wieder mehr). Das kann ich so nur teilweise bestätigen. Bei uns in der Grundschule hat jeder mit jedem gespielt, Jungs mit Jungs und Mädchen mit Jungs und alle zusammen, und ich erinnere mich, auch bei meinen türkischen Mitschülern auf dem Geburtstag zu Hause gewesen zu sein. Endenich war ein familienfreundliches Örtchen, in dem ich mich nicht erinnere, Fremdenhass oder ähnliches erlebt zu haben. Man traf sich bei dem einen oder anderen oder auf dem Schulhof oder im Park zum Spielen und da war es völlig egal, wer woher kam und was er für einen sozialen Hintergrund hatte. Aber auch ich war ein Kind, unbiased, wie man so schön sagt.

Am Freitag war ich als Gast und Vorleserin bei der 4xMi – MiMiMiMi-Lesung im Café Friedrichs eingeladen (Nachberichte und Aufzeichnung könnt ihr hier lesen), eine Veranstaltung, die Sylvia und Johannes ganz wunderbar organisieren, und da fühlte ich diese Form von Gemeinschaft, die ich mir für alle Menschen wünsche. Verstanden werden. Neues kennenlernen. Den Horizont erweitern. Aufgenommen werden ohne Fragen zu stellen. Das Bonn.Lab macht so etwas auch seit einiger Zeit. Es bringt die Nachbarschaft zusammen. Ziel des Bonn.Labs sind einzelne Treffpunkte in jedem Ortsteil, um genau sowas zu fördern. Wenn ihr mich fragt eine geniale Idee.

Derweil lese ich meine Twitter-Timeline, lese von riots und Krawallen und Protesten in den USA, höre von Trumps Antrittsrede, wie er Menschen mit Migrationshintergrund aus seinem Land verbannen will, lese auf Instagram, wie die Leute sich dagegen stellen, fühle mich beruhigt darüber, und dann fällt mir auf, dass ich mich das bis zur Wahl von Trump auch fühlte. Medien sind nur ein Spiegelbild unserer eigenen Meinung. Was wirklich da draußen abgeht findet auf keiner digitalen Plattform statt. Und das hat nichts mit dem „bösen“ Internet zu tun, sondern mit ganz vielen anderen Dingen, die im Leben von Menschen so passieren. Ich war selbst mal in der Arbeitsamtschleife und habe trotz Abitur und nicht-auf-den-Kopf-gefallen-Seins schlimme, schlimme Dinge dort erlebt. Wie muss es erst Menschen gehen, die gar keinen Ausweg haben?

Ich finde, wir müssen jetzt mal rausgehen und es zumindest versuchen. Und zwar so, wie wir es können, ohne uns zu überfordern. Niemand kann uns sagen, ob wir Erfolg haben werden, ob wir etwas davon zurückbekommen. Aber wenn ich so mit Leuten in Gemeinschaft zusammen bin habe ich schon alles was ich brauche. Es wäre schön, dieses Gefühl auch Menschen zu geben, die es schon lange zuvor verloren haben. Ich habe keine Ahnung, wie das hier ausgeht, aber ich kann hier nicht rumsitzen und drauf warten, dass all das Schlimme nicht eintritt. Denn das wird es. Das haben wir ja jetzt gesehen.

Also, los geht’s.

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