Ein paar Gedanken zu #Aufschrei.

Mir gehen seit gestern, wie so vielen anderen auch, so viele Gedanken durch den Kopf. Ich war vorgestern Nacht länger wach und habe durch Zufall den Beginn des Twitter-Memes “Aufschrei” mitbekommen, das auf die Bekanntmachung der Journalistin Laura Himmelreich folgte, die von FDP-Fraktionschef Brüderle belästigt wurde. Was mich am nächsten Morgen bei Twitter erwartete überforderte mich ein bisschen. Es ist ein bisschen, als würde man aus einem Tiefschlaf aufwachen und feststellen: ich bin gar nicht so selbstbestimmt wie ich immer dachte.

Als Kind hat meine Mutter mir und meinen Geschwistern immer ein Buch vorgelesen. Darin geht es um das “NEIN!”-Sagen. Ein kleiner Junge wird von einem fremden Mann gefragt, ob er mitkommen möchte, er habe Bonbons zu Hause. Oder die fremde Tante drückt ihn zu sehr an ihren Oberkörper. Zum Glück geht alles gut aus, zumindest ist das meine Erinnerung. Ich wurde von klein auf gelehrt, “NEIN!” zu sagen, wenn ich mich von fremden Menschen bedroht oder unangemessen behandelt fühle. Wenn ich mit Freunden und Bekannten unterwegs bin und jemand, den ich nicht gut kenne, frauenfeindliche Witze macht oder eine meiner Freundinnen unangemessen behandelt oder belästigt, gehe ich dazwischen oder sage laut meine Meinung. Zumindest versuche ich es.

Seit gestern fallen mir aber mehr und mehr Situationen ein, in denen ich mein Selbstbewusstsein untergeordnet habe. Das geschah ganz automatisch. Es waren alles Situationen von Angst. Wenn ich tagsüber unterwegs bin, versuche ich, selbstbewusst aufzutreten, was manchmal ganz schön anstrengend ist. Manchmal wirke ich dabei unnahbar. Doch das ist mir lieber, als von jemandem belästigt zu werden.

Als ich 2008 nach einem abgebrochenen Studium einen Ausbildungsplatz für die Ausbildung zur Mediengestalterin in einem großen Unternehmen fand, war ich erleichtert. Auch wenn mir einer der beiden Chefs von Anfang an unsympathisch war, ich war froh, endlich in meinem Traumberuf durchstarten zu können. Während der ersten Monate fiel mir immer wieder auf, wie selbstverständlich es viele der IT’ler und auch die Chefs fanden, Witze über Frauen in IT-Berufen zu reißen oder anzügliche Bemerkungen zu machen. Ich konterte meist “vorsichtig” und hielt das alles für Spaß, Herumflachsen. Meine Ausbilderin saß mit mir in einem Büroraum. Hinter ihr an der Wand hingen diese CityCards, viele davon selbst mit anzüglichen Sprüchen über Männer und Frauen. Ich erinnere mich an einen Tag wo mein Chef neben uns im Raum stand und sich über diese Karten am meisten amüsierte und noch einiges an Sprüchen oben drauf setzte. Meine Ausbilderin fand das alles total lustig. Das war der Moment, wo sich zum ersten Mal Unbehagen in mir ausbreitete. Ich hätte gerne “Nein” gesagt, und “ich will das nicht, mir ist das unangenehm!” Aber einen Ausbildungsplatz setzt man nicht aufs Spiel. Wenn man in seiner beruflichen Laufbahn noch nicht so erfolgreich war, dann widersetzt man sich nicht. Man beobachtet und lernt, man ignoriert das übrige. Ich, die von klein auf gelernt hatte, selbstbewusst aufzutreten, wusste plötzlich nicht mehr, wie sie sich verhalten sollte.

Mein Chef war einer von der Sorte Mann, der unheimlich unsicher war, das aber gut hinter Sprüchen zu verbergen wusste. Ein schmieriger Typ. Ich hatte innerhalb weniger Wochen ihn und den ganzen Firmenbetrieb durchschaut. Nichts lief hier optimal, aber ich traute mich nicht, Verbesserungsvorschläge zu machen, aus Angst, etwas Falsches zu sagen. Das seltsame, sexistische Verhalten vieler Mitarbeiter irritierte mich. Aber meinen Ausbildungsplatz aufs Spiel setzen? Niemals! Wer würde mich schon nehmen?

Im Spätherbst, etwa im Oktober, stand ein Außentermin bei einer Partnerfirma an. Ich sollte einen Kalender für den Abdruck in einer Zeitschrift entwerfen und die Grafiker der anderen Firma sollten mithelfen. Für meinen Chef war es selbstverständlich, dass wir beide alleine dorthin fuhren. Als ich zu ihm ins Auto stieg, hatte ich ein komisches Gefühl, aber es war ja schließlich eine Pflichtveranstaltung. Ich redete kaum, antwortete nur knapp. Hoffte auf das Ankommen. Doch dann kam die Bemerkung, er würde mit mir einen Umweg fahren, er habe da eine lustige Idee. Fünf Minuten später fanden wir uns auf einem der Straßenstriche Köln’s wieder. Mit gedrosseltem Tempo fuhr mein Chef an den Wohnwagen vorbei. Und nannte Namen, Namen von Prostituierten. Und lachte. Hämisch, schmierig. Den Blick zu mir gerichtet. Für ihn war das alles ein großer Spaß. Ich weiß nicht was er sich dabei dachte, ich dachte nur: Ich will hier weg!! Wir kamen endlich an. Ich ließ den Außentermin über mich ergehen, versuchte, höflich zu bleiben, aber die Angst saß mir im Nacken.

Ich glaube ich erzählte nicht mal meinen Eltern davon. Ich besinnte mich auf meine Stärken und beriet mich mit meiner besten Freundin. Ich googelte. Schließlich rief ich einen unserer Ausbildungsbetreuer bei der IHK an. Immer nur Band. Nach zwei Tagen rief er mich endlich zurück und verwies mich weiter an einen anderen IHK-Betreuer. Ich schilderte ihm die Geschehnisse und bat ihn um Hilfe. Seine Antwort bestand darin, dass er mir nahelegte, den Ausbildungsplatz zu wechseln. Kein “Oh nein das darf auf keinen Fall passieren”, keine Entschuldigung, kein Verständnis. Kein Angebot, sich sofort mit der Chefetage zusammen zu setzen und das zu thematisieren. Auch Hilfe zur Suche eines neuen Ausbildungsplatzes bot er mir nicht an. Ich war wirklich verzweifelt. Ich fand noch einen Arbeitgeber, der einen Azubi suchte, aber es gab schon sehr viele Bewerber. Ich beschloss dennoch, zu kündigen.

Mein Bruder bot mir glücklicherweise an, meine Ausbildung in seiner Firma zu beenden. Ich legte meinem Chef zwei Tage vor dem Ablauf der Probezeit die Kündigung auf den Tisch, murmelte etwas von “Ausbildung zu print-lastig” und ging.

Ein anderes, sechzehnjähriges Mädchen in meiner Berufsschulklasse erlebte gleich zu Beginn der Ausbildung ähnliches und erzählte uns davon. Eines Tages tauchte sie einfach nicht mehr auf: sie hatte aus Verzweiflung die Ausbildung ganz abgebrochen. Thematisiert wurde das in der Schule nicht. Niemand fragte nach. In der Rechte- und Pflichten-Fragestunde mit einem IHK-Mitarbeiter wurde alles besprochen, Diebstahl, Kaffeekochen und Ausnutzen, Überstunden und fehlendes Lernmaterial. Niemand sprach darüber, was zu tun war, wenn wir belästigt wurden. Es wurde immer gesagt: wendet euch an uns, wenn etwas ist. Als ich das tat, half mir niemand.

Ich könnte noch so einige Geschichten erzählen, von Belästigungen von ausländischen Mitbürgern in der Fußgängerzone, einem polizeilich gesuchten Exhibitionisten, der sich vor mir entblößte, von einem Mann der mich nachts nach dem Diskobesuch bis zur Haustür verfolgte und ich nur noch an Rennen dachte, von dem Mann, der, als ich 14 war, im Bus immer näher an mich ranrückte und ich nur noch panisch hoffte dass er bald aussteigt, davon, dass man im Sommer zehnmal überlegt, ob man ein sehr weibliches Kleid anzieht aus Angst vor dummen Sprüchen, und davon, dass man auf dem dunklen Heimweg seine Finger um den Schlüssel oder das Handy krallt und sich an CSI erinnert: wenn dir was passiert, hinterlass einen Hinweis, DNA.  So krass es klingen mag, aber man lernt, damit zu leben. Ich wollte schon lange mal joggen gehen am Rhein, aber die Angst, dort morgens oder abends im Dunkeln belästigt zu werden, hält mich bisher davon ab.

Ich werde bewusst nichts zu der Diskussion schreiben, wie nah die Grenzen liegen und dass jede(r) Sexismus und sexuelle Belästigung anders wahrnimmt. Das haben andere schon viel besser getan. Trotz dieser Erfahrungen vorverurteile ich keinen Mann, schlechte Intentionen zu haben. Ich habe gelernt, besser zu differenzieren, Situationen besser in den Kontext zu setzen (z.B. bei Sprüchen unter Freunden, denen ich vertrauen kann). Aber ich bin auch vorsichtiger geworden, beobachte mehr. Sage meine Meinung noch deutlicher. Heute weiß ich, ich würde lieber meinen Job kündigen, als so eine Situation zu ertragen. Aber damals wusste ich nicht, dass es so einfach ist, sich zu wehren.

Eines in Bezug auf Sexismus und Belästigung am Arbeitsplatz ist mir aber noch wichtig: In einer Antwort zu einem Kommentar zu Ihrem Artikel “Das Schreien der Lämmer” schreibt Frau Meike:

Entschuldige, Creezy, aber ich glaube einfach nicht, dass es, nur weil man mit jemandem zusammenarbeitet oder sich in der Probezeit befindet, unmöglich sein soll, sich gegen Annäherungen zu wehren. Sich nicht zu wehren, sendet außerdem das völlig falsche Signal: es ist okay, was Du machst, mach ruhig weiter. Das Gespräch suchen, klar und bestimmt, ist Teil menschlicher Konfliktlösungsstrategien und damit kann es jeder versuchen, auch jemand, der sich in der Probezeit befindet.

Entschuldige, Meike, das ist zu einfach gedacht. Unmöglich ist in einer solchen Situation nichts. Wenn man aber, wie die Kommentatorin, in der Situation ist, vom Arbeits- oder dem Ausbildungsplatz (vor allem finanziell) abhängig zu sein und einem die (meist männliche) Führungsetage das Gefühl vermittelt, jede persönliche Meinungsäußerung sei eine Kritik an ihr oder dem Unternehmen, die eine sofortige Kündigung zur Folge hat, dann überlegt man sich dreimal, ob man sich beschwert. Zumal man in der Situation selbst viel zu überfordert ist, um angemessen zu reagieren. So erging es mir. Man hat dann nur den naturgegebenen Fluchtreflex und versucht, der Situation zu entkommen. Gerade in der männerdominierten IT-Branche muss man als Frau erst mal lernen, sich durchzusetzen und zu begreifen, dass man seine Meinung klar und deutlich äußern kann, ohne Angst vor Konsequenzen zu haben oder dass die Konsequenzen einem nicht die Karriere kaputt machen. Das ist ein Prozess, der lange dauert, und man muss das nötige Selbstbewusstsein dafür haben.

Hätte mir damals in der Ausbildung ein Lehrer oder IHK-Mitarbeiter gesagt: “Wenn so etwas passiert, wehrt euch, euch kann nichts passieren. Wir sind auf eurer Seite.”, hätte ich nicht eine Minute länger im Unternehmen verbracht. Hätte mir jemand gesagt, dass ich mich an den Betriebsrat hätte wenden können, wäre ich die Erste gewesen, die sich dort vorgestellt hätte. Ich bin weit entfernt davon, mich als “Opfer” zu sehen. Die Realität in Deutschland sieht aber leider anders aus: im Berufsleben und in der Probezeit ist man innerhalb des Unternehmens sehr, sehr oft auf sich alleine gestellt.

Ich habe daraus gelernt, mich den Situationen zu stellen und mich nicht unterzuordnen. Das Gespräch zu suchen. Ich engagiere mich bei den Digital Media Women, um mit den Klischees aufzuräumen. Dennoch werde ich nicht alleine abends am Rhein joggen gehen und suche mir für den Heimweg von der Disko die sicherste, am besten beleuchtete Strecke aus. Den Exhibitionisten habe ich übrigens, sehr viel später, mit Herzklopfen der Polizei gemeldet und später in der Zeitung gelesen, dass der psychisch kranke Täter nach vielen Übergriffen auf Joggerinnen am Rhein festgenommen, später nach einer Behandlung in der Psychiatrie aber wieder freigelassen wurde. “Sicherheit” ist für mich etwas anderes.

In unserer Gesellschaft gibt es, was dieses Thema angeht, noch genug zu tun. Es wäre schön, wenn #Aufschrei dazu beiträgt, das Bewusstsein der Menschen zu erweitern und sich Gedanken zu machen, wie jeder selbst etwas dazu beitragen kann, damit alle sich in ihrer Haut wohlfühlen können.

Zum Weiterlesen:

http://drmutti.wordpress.com/2013/01/26/mein-spater-aufschrei/

http://www.fraumeike.de/2013/das-schreien-der-laemmer

http://antjeschrupp.com/2013/01/25/wie-lappalien-relevant-werden/

http://happyschnitzel.com/?p=7448

http://www.vorspeisenplatte.de/speisen/2013/01/aufschrei-es-geht-nicht-um-mich.htm

http://kleinerdrei.org/2013/01/normal-ist-das-nicht/

http://www.meyola.de/aufschrei-guckt-hin/

http://carolin-neumann.de/2013/01/und-jetzt-wieder-zuruck-zum-thema/

 

 

 

3 thoughts on “Ein paar Gedanken zu #Aufschrei.

  1. Danke für diesen Artikel. Mich ärgert es immer, wenn ich höre, dass vergewaltigte Frauen nur anzuzeigen bräuchten, und dass sie selbst schuld sind, wenn sie es nicht tun. Viele Frauen zeigen nicht an, weil dieser Weg sich für sie einfach nicht lohnt, weil die Belastung zu groß ist und die Chancen zu ungewiß. Das kann kann man z.B. ganz deutlich sehen:

    http://www.ausopfersicht.wordpress.com

    • Hallo Samia,

      die von dir angesprochenen Punkte lassen sich auf jede Form von Sexismus und Belästigung übertragen. Die Belastung ist ein ganz wichtiger Faktor. Die mit einem Spruch wie “du hättest ja was sagen können” abzutun finde ich ganz, ganz schlimm!

Comments are closed.