Das perfekte Heim (aka Die Illusion).

Als Studentin war ich in Sachen Eigenheim damals ziemlich genügsam. Isomatte, Schlafsack, etwas zu essen – mehr brauchte ich eigentlich nicht. Man war ja eh meist unterwegs, auf Partys, Events, bei Kommilitonen und Freunden. Zuhause war das, wo man schlief und lernte.

Mit dem Einstieg ins Ausbildungs- und Berufsleben änderten sich meine Ansprüche sehr schnell. Wenn man acht Stunden am Tag (plus fünf für den Nebenjob) gearbeitet hat will man nicht mehr mit der Mitbewohnerin über verschimmeltes Essen im Kühlschrank diskutieren oder über Wäscheberge und Bettkanten fallen. 21 Quadratmeter inklusive Bad und Kochnische im Studentenwohnheim sind dann auf einmal verdammt wenig Platz!

Seit anderthalb Jahren lebe ich nun in der (vermeintlich) perfekten Wohnung. Sie ist groß, hell, liegt zentral in der Innenstadt, man ist schnell in der Natur – eigentlich kann man sich hier sehr wohlfühlen. Wären da nicht die ganzen Kleinigkeiten, die einem erst nach und nach auffallen: das nicht vorhandene Mülltrennungssystem, die günstige Lage für Fahrraddiebe, die laute Hauptstraße mit ihren tausenden Autos, die nervigen Nachbarn, die nicht wissen, was Zimmerlautstärke ist, der fehlende Kellerraum und Balkon, die noch immer nicht erledigten Reparaturen, die man seit langer Zeit aufschiebt etc… Früher war ich einfach nur froh, überhaupt ein Zuhause zu haben. Wenn dann noch eine Packung Fertigspaghetti in den Schränken zu finden war, war ich rundum glücklich. Jetzt habe ich plötzlich Ansprüche an meinen Lebensstandard, und fühle mich zum ersten Mal nicht schlecht dabei. Wie ist es dazu bloß gekommen?!

Wenn ich jetzt an ein “gutes Leben” denke, meine ich eine 2,5-Zimmer-Wohnung mit ausreichend Beinfreiheit und getrenntem Schlaf- und Arbeitszimmer, vielleicht mit Balkon oder Garten, ein Job mit geregelten Arbeitszeiten, selbstgekochtes, gesundes Essen (am besten viel Bio und aus heimischen Gefilden), Sport und Freizeitbeschäftigungen, soziales Leben mit gehaltvollem Austausch, für exklusive Waren die ich gerne haben möchte auch mal etwas mehr bezahlen, etwas von dem eigenen Gehalt spenden, oder jemandem einfach mal eine Freude machen. Urlaub in der Pension/dem Hotel statt der Jugendherberge. Es ist ein bisschen so, als sagte mir mein Kopf: Du hast das lang genug auch anders gekannt, aber jetzt hast du dir das verdient.

Die nächste Wohnung muss all das, was mir an der jetzigen fehlt, ausgleichen. Mindestens. Für mich ist ein Zuhause mittlerweile ein Ort, wo ich mich regenerieren kann, um im Job erfolgreich und im Privatleben aktiv sein zu können. Ich wollte nie ein “normales” Leben führen, but here I am!

Manchmal denke ich aber, dass ein “mehr” nicht unbedingt besser ist. Man macht es sich nur bequemer. Ich wünsche mir die Zeiten, in denen mir all das egal war nicht zurück. Aber oft erwische ich mich bei dem Gedanken, ob man nicht irgendwann an dem Punkt ist, wo man sich nicht mehr bemühen möchte.

Ich bin der Typ Mensch, der wohl nie an diesen Punkt kommen wird. Ich kriege ja schon ein schlechtes Gewissen, wenn mir jemand ein Eis ausgibt. Ich glaube das Gute daran ist, dass ich nie vergessen werde, wie es auf der anderen Seite aussieht.

Am liebsten hätte ich eine Wohnung, die mit meinen Anforderungen und Bedürfnissen “mitwächst”. Die man bei Bedarf beliebig erweitern darf und die offen ist für Überraschungen aller Art, Katzen und Hunde, Hängematten, den Blick auf’s Meer, Gäste und Mitbewohner…quasi so eine Harry Potter-Wohnung. Das wär schon cool ;)

Die perfekte Wohnung hat meiner Meinung nach übrigens mein Bruder gefunden: 3 Zimmer, hell, große Küche, über einem Büro und unter einer schwerhörigen alten Dame (= nie was zu hören), zentral und trotzdem ruhig in einer Seitenstraße, Süd-Balkon. Für mich wäre diese Wohnung alles was ich mir immer gewünscht habe. Und wovon träumt er seit dem Einzug? …einem Garten ;)

One Response to Das perfekte Heim (aka Die Illusion).

  1. Marc vm says:

    Hey, das ist das “gute” normale Leben, keine Angst davor :)
    Du sagst schon ganz richtig das man Regeneration will und braucht. Eine Wohnung mit der man happy ist gehört entscheidend dazu. Ich kann da ein Lied von singen, bin ja quasi durch alle Stadien durch, angefangen beim Sutdentenwohnheim. Garten oder großer Balkon sind mittlerweile ein muss für die nächste Wohnung, quasi ein Ausschlusskriterium. Und das obwohl ich sehr nah zum Rhein und einem Park wohne. Und etwas leiser dürfte es auch sein…

    2 Zimmer mehr und die Wohnung deines Bruders wäre wirklich perfekt ;)

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