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Glücklichsein.

Wir fahren zum Meer und fahren zum Meer. Wir schütteln Gewohnheiten ab an der Grenze und schreiten ins Neuland. Wir singen laute Weite mit unseren Stimmen und jeder kann sie spüren. Wir breiten Arme aus und schließen Augen und unsere Lippen kennen nur das Lächeln des Zufriedenseins. Es fehlt uns an nichts. Wir brauchen nichts außer dem Wagen und dem Fahrer und uns. Wir erzählen Geschichten von unserer ersten Begegnung mit dem Meer. Wir waren Kinder und unverbraucht, ohne Schlafdefizit und Physiotherapeutenrezepte und Kaffeemaschinenfreundschaft. Stattdessen wurden wir Freunde mit Nachbarwohnwagenkindern und Hunden und Heuschrecken und diesen weichen braunen Pferden, ohne einen Knopf zu drücken. Wir fuhren Kettcar durch Fußgängerzonen, laut gröhlend und die Spielkultur zelebrierend. Wir wussten noch müde zu werden von frischer Luft anstatt Monitorauflösung. Wir betteten uns weich in Piratenbettwäsche und der Sand kribbelte leicht an den Waden.

Wir fahren also zum Meer und fahren zum Meer. Wir haben nichts dabei außer uns. Jemand brannte ein Mixtape, es erzählt Geschichten von Sehnsucht und Liebe und Wohlfühlen. Wir sind die Kinder, tief im Innern. Wir wünschen einen Leuchtturm zum Wegweisen durch die Dünen, wir wünschen Möwengekreische und Mond. Oh, wie sehr wir uns Mond wünschen!

Wir fahren zum Meer und sind angekommen. Dort stehen wir, die Brandung in der Ferne rauscht mächtig in den Köpfen, atemlos, staunend, wir haben die Augen vor Müdigkeit weit aufgerissen. Doch müde sind wir nicht, nicht mehr, und nicht gleich und auch nicht bald.

Wir tauchen die Füße in korallenzermürbtes Etwas, es ist überall und es ist gut. Stadtfüße die Beton gewohnt können nun loslassen. Wir fassen uns an die Hände und laufen auf die Brandung zu ohne sie zu sehen. Und dann sehen wir sie. Wir sehen uns an: Indianergeheul bricht aus, Hände lassen los, Füße bewegen Muskeln, Köpfe in den Nacken geworfen, hinaus, hinaus! Das eisige Wasser rauscht über warme Venen und belebt etwas in uns, von dem wir vergessen hatten, dass wir es besitzen. Springen und Gischt spritzend und Hände tauchend und in die Nacht reißen und ausbreiten: so fühlt sich also Glücklichsein an. Und wir kosten viel davon, weil wir es dürfen, es verdient haben in ungezählten Schreibtischkonferenzen, doch muss man sich Glücklichsein verdienen?, das fragen wir uns und wissen nicht was und wie. Und die Euphorie ebbt ab, gemächlich, wir tauschen Blicke, die Bände sprechen.

Das Mondlicht zaubert Feenstaub auf die Wellen. Sie glitzern und schäumen und bahnen sich den Weg an Land. Sie wissen, was zu Kämpfen heißt. Wir stehen und sehen. Gänsehaut mehr von der Schönheit als von der Brise. Ich will nicht dass es aufhört.

Das Haus riecht nach Urlaub und nicht nach vergessenem Abwasch oder Ladekabeln und To-Do-Listen. Man kann umherlaufen und wieder zurück und wieder hin und es verliert nie diese ganz besondere Atmosphäre. Jemand bringt Feuerholz, ein anderer zündet das Feuer, als erschaffe er ein neues Leben, und das Leben was wir haben als wir in die lodernden Flammen sehen ist ein verdammt gutes, ein sich-richtig-anfühlendes. Loslassen, Lider senken, lächeln. In Sessel sinken.

Wir betten uns wie Könige. Der Sand kitzelt an unseren Waden. Jemand erzählt die Geschichten von der Sehnsucht, und sie machen nicht mehr melancholisch, weil die Sehnsucht hier kein Sehnen mehr kennt, weil sie sich gefunden hat. Wir schlummern wie Kinder nach einem Abenteuer. Wahrlich, das ist es!

Frieden.

Frieden ist das, was man verspürt, wenn man in der Frische des Morgens vor Aufgang der Sonne hinaus ins Freie tritt. Wo Stille noch die solche ist und der Gedanke der schlafenden Menschen die Schultern entspannen lässt. Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Und aus. Die taufeuchte Wiese unter deinen nackten Füßen. Und dann grummelt dein Magen, er hat anscheinend auch ausgeschlafen.

Gemeinschaft ist das, was man hat, wenn viele Hände greifen und tragen und abstellen und gleich so viele Füße umherlaufen und schreiten und nach all dem Chaos ist der Tisch reichlich gedeckt, und liegt in völlig eigentümlicher Ordnung. Wir stärken uns wie Wikinger, denn heute werden wir Länder entdecken, Kämpfe führen und Traditionen wahren. Und auf, auf, ihr Wikinger, die Drahtesel tragen euch hinfort in das Unbekannte. Wir haben keinen Plan und brauchen keinen.

Der Wikingerzug, wie er über den Deich jagt, laut heulend, lachend, schreiend, in die Ferne ahnend. Vorbeispazierende schütteln Köpfe, doch wir sind schneller als der Wind und entdecken, was zu entdecken ist.

Später dieses Bild auf Papier gedruckt in einem Album verschlossen in Kisten unter Zweipersonenbetten, und schon Staub angesetzt. Doch der Kopf und das Herz und die Seele, zehrend von den Erinnerungen, einen Menschen geformt. Wir waren jung sagend, mit einem Nicken.

Und dann klingelt das Telefon, und jemand sagt: Komm, wir fahren zum Meer.

Augen weiten sich. Das Herz geht auf.

3 Kommentare

  1. Sucht facebook-Like oder flattr-Buttons und macht dann doch nur einen kleinen stillen Punkt
    .

    • Muss ich also doch noch dieses blaue Ding bei mir einbauen? 😉

      :))

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