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Vom Heimkommen. (Schottland Teil 1)

Füße im Meereswasser

Und dann sitzt du da in deinem eigenen Bett. Um dich herum ist es still. Keine 6er-Schlafraum-Bettnachbarinnen um dich herum, die sich Englisch sprechend durch ihre Sachen aus dem Rucksack wühlen, ihre Haare fönen oder gemütlich ein Buch lesen im Hochbett gegenüber. Dein Backpacker-Rucksack liegt nur halbausgepackt auf dem Boden (um an das nötigste zu kommen), deine Wanderschuhe liegen achtlos daneben. Vor wenigen Tagen waren sie noch dein Ein und Alles und haben dich über Stock und Stein, durch Bäche und über Schlammpfützen getragen. Doch hier ist kein Berg, kein unbefestigter Pfad.

Seit der Ankunft am Flughafen ist da dieses Gefühl in dir. Es ist sehr schwer zu beschreiben. Es ist keine Traurigkeit. Es ist auch kein richtiges Fernweh. Es ist so ein allumfassendes Gefühl der Verbundenheit mit der Welt. Dem Unterwegssein. Und hier, zurück in der „Heimatstadt“, wo alles still steht, hat es nichts zu suchen. Es fühlt sich falsch an, fehl am Platz. Alles ist so anders als an dem Ort an dem man vor wenigen Tagen noch war. Am meisten fehlt dir die Natur, die Weite. Die anders sprechenden, unfassbar freundlichen Menschen. Plötzlich sind überall Straßen und Autos, und die Menschen wirken so gestresst. Was hab ich hier zu suchen, fragst du dich? Du weißt, du willst nicht sofort wieder zurück, denn die Reise war teilweise auch anstrengend. Aber hier bleiben kannst du auch nicht. Du bist irgendwie verloren. Du hast plötzlich dein eigenes Bett wieder, deine Wohnung, eine eigene Dusche und eine saubere Toilette mit ordentlichem Klopapier. Aber all das brauchst du eigentlich nicht. Das weißt du jetzt, denn du hast einige Wochen ohne gelebt.

Du fällst in ein seltsames, ungewohntes, nie gefühltes Loch.

Und in all diese Orientierungslosigkeit kommen die Anderen. Die dich fragen „Und jetzt, wie geht’s weiter?“ – und du nicht weißt was du antworten sollst. Die in ihrem Alltagstrott leben, grade von der Arbeit kommen, einen anstrengenden Tag hatten, sich auf das Wochenende freuen. Und da bist du, sprudelst über vor Begeisterung und Freude und Erlebnissen und Erfahrungen und willst am liebsten sofort drei Stunden gemeinsam Fotos schauen und erzählen und berichten und – abgebremst. Abgebremst von der Realität. Denn die zeigt dir, dass niemand so richtig hören will wo du warst. Was du erlebt hast. Nach zwanzig Minuten Erzählen deinerseits dreht sich alles wieder um das kaputte Auto, oder den morgigen Arzttermin, oder warum das Badezimmer noch nicht geputzt ist. Und du sitzt dazwischen, siehst dir alles an und verstehst nichts mehr. Willst einfach nur zurück, in das Land, die Stadt, an den Fluss, wo du Postkarten schriebst während die Sonne unterging und das Wasser rauschte und du so völlig mit dir und in dir selbst warst und zufrieden mit allem. Wo alles gut war. Und zwar ohne-Hintergedanken-gut.

In Deutschland war alles immer mit Hintergedanken. Dort, in Schottland, war schon nach kurzer Zeit alles aufregend, und neu, und interessant, und schwierig, aber irgendwie gut, denn es war dein schwierig und dein neu, selbstgewählt. Hier, zurück, hast du das nicht gewählt. Es ist einfach da und hat auf deine Rückkehr gewartet. Die Probleme. Der Berg an To-Dos. Alles hattest du vor der Reise hinfortgeschoben, um nicht daran zu zerbrechen. Die Reise hat dir eines gezeigt: wie es ist, endlich wieder unbeschwert zu sein. Frei. Frei entscheiden zu können ob du nun dies tust oder das. Ob du in den Norden fährst oder den Süden. Ob du einen Salat im Park isst oder ein Steak im Pub. Ohne Hintergedanken. Ohne Sorgen. Einfach machen.

Und jetzt wo du zurück bist, bindet sich alles Alte wieder an dein Bein und deine Seele.

Und du fragst dich, was du hier sollst, wo doch in Freiheit alles so viel besser war. Du fragst dich, warum du jetzt arbeiten sollst, und einkaufen, und putzen, und Berge abarbeiten.

Die Wahrheit ist: das ist normal. Es wird besser, wenn man mit Menschen redet, die das gleiche erlebt haben. Die selbst schon zur nächsten Reise sparen. Die dich auffangen und abholen, dich trösten, „es wird besser“ und tatsächlich wissen, dass es so ist, weil selbst erlebt. Die anderen, die es nicht erlebt haben, werden niemals verstehen wie es ist. Und das ist ok, aber sie können dir nicht helfen.

Die Lösung: sich Zeit lassen. So wie man das im Ausland tat. Ankommen, auf die eigene Weise. Nichts überstürzen. Sich an die neuen Eigenschaften erinnern, die man auf der Reise gelernt hat und beibehalten möchte. Nach ein paar Tagen resümieren, was man nicht geschafft hat zu sehen, und es auf die Liste der kommenden Reise packen. Sich von den „Normalos“ nicht verunsichern lassen. Ganz sachte zurückkehren, nur das nötigste machen. Nicht gleich mit dem Berg anfangen. Vielleicht auch: Hilfe holen. So wie man den fremden Herrn im Zug auf Englisch bat, den schweren Rucksack ins Gepäckfach zu hieven. Mit Hilfe geht es manchmal leichter. Vor allem aber: reden. Viel reden. Erklären wie man sich fühlt. Oder aufschreiben. Sich erinnern.

Es heißt, wenn dich der Travel-Bug einmal gebissen hat, lässt er dich nicht mehr los.

Ich kann sagen: Oh dear, das ist so wahr!

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Wie man in Trier den Flüchtlingen hilft.

Vor zwei Wochen war ich zum ersten Mal in einer Aufnahmeeinrichtung für Asylbegehrende (Afa) in Trier. Wir hatten einige Kleidung gesammelt, die wir vorbeigebracht haben. Die Informationen dazu bekamen wir aus der Facebook-Gruppe der Kleiderkammer Trier. Dort wird ständig gepostet, welche Spenden in der Kammer gebraucht werden. Vorher liest man ja immer nur Berichte in den Nachrichten, und viele davon sind nicht wirklich positiv. Umso wichtiger ist es, dass man einfach mal selbst zu den Afas geht, sich ein Bild macht und Hilfe anbietet.

Die Afa in der Dasbachstraße liegt im Trierer Norden gegenüber einem schönen kleinen Park mit See, dem Nell’s Park. Die Unterkunft selbst befindet sich dabei auf dem Gelände der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD), die die einzige dauerhafte Aufnahmeeinrichtung für Asylbegehrende in Rheinland-Pfalz verwaltet. Sie hat noch eine Nebenstelle in der Luxemburger Straße. Das Gelände der Dasbachstraße besteht aus einem alten Kasernengelände, ist aber dennoch zentral angebunden (10 Minuten mit dem Bus zum Hbf).

Die Flüchtlinge wohnen dort in den drei Häusern, aufgestellten Wohncontainern und leider auch immer noch einige in einem Zelt. Dennoch ist die Lage dort nicht „außer Kontrolle“, wie es die Presse manchmal darstellt. Ich habe aber die Zimmer und Flure und auch die Toiletten gesehen und kann nur sagen: da muss dringend(!!!) was getan werden. Überall, auch in Treppenhäusern, liegen Matratzen oder Decken im Dreck. Hygienisch kann man das nicht mehr wirklich nennen. Teilweise schlafen die Menschen ja auch freiwillig draußen, weil die Belegung mit 1400 Menschen statt 700 einfach eine totale Enge erzeugt und man mit vielen fremden Kulturen in kleinen Zimmern leben muss. Wenn man mit den Menschen spricht sind aber alle sehr nett, einige sprechen sehr gut Englisch. Zum Glück gibt es an der Afa einen Kinderspielplatz, und in den Containern findet teilweise die medizinische Versorgung statt. Als wir heute dorthin kamen, liefen gerade einige in Warnwesten über das Gelände und sammelten Müll. Zwischendurch bringen Reisebusse Menschen weg, vermutlich zu der Aufnahmestelle in Hermeskeil.

Das ist aber alles meine private Einschätzung, da ich noch nicht mehr gesehen habe.

Heute war ich auf einer „Kleider-Sortierparty“ in der Kleiderkammer der Afa in der Dasbachstraße in Trier. Die liegt im Keller des Gebäudes in dem die Flüchtlinge leben. Das ist nicht so wie in Hamburg, wo man eine riesige Lagerhalle für sich hat, sondern man begegnet den Flüchtlingen ständig. Die Kammer ist jedoch aus sicherheitstechnischen Gründen abgeschlossen und man muss laut klopfen, damit jemand von innen aufmacht.

Heute waren mit mir ca. 25-30 sehr netten Leute dort, die alle auf den Aufruf der Kleiderkammer gekommen waren. Die Kleiderkammer hat derzeit einen Spendenstopp, da sie voll ist (und noch immer fragen Leute in der Gruppe, ob sie etwas bringen können!). Einige Helfer brachten Snacks und Kuchen mit. Immer 3-5 Leute wurden den Räumen mit den einzelnen Bereichen zugewiesen, in einem Hauptraum gab es neue Kisten. Dann hieß es: hergebrachte Kinderkleidungs-Berge begutachten (Kleidung mit starken Flecken und Löchern wird in Säcken zur Altkleidersammlung gegeben), die Größe rausfinden (was bei Kinderkleidung eine Katastrophe ist, ich hatte ja keine Ahnung 😉 ), falten und in die jeweilige beschriftete Kiste legen. Volle Kisten werden umgeladen, zugeklebt und beschriftet in einen Lagerraum am Ende des Flures gebracht. Die Flüchtlinge helfen auch beim Verteilen der Kleidungskisten und so kommen regelmäßig Helfer in das Lager und holen Kisten ab.

Der Sortier-Raum ist für fünf Leute relativ eng, so muss man sich oft durchschlängeln, und die Temperatur lag bei ca. 25 Grad, weil es nur kleine Lüftungsfenster gibt. Nach dem ersten Orientieren sprachen wir auch über die Lage in Trier, was wir so an Hilfsprojekten mitbekommen haben und auch die Organisatoren (so 3-4 zählte ich) sprachen oft in der Küche darüber, wie schwierig die Lage ist. In Trier tut sich einiges, aber wie überall fehlt Hilfe von „oben“ und man hörte den Frust und Ärger heraus. Aber da jammert keiner stundenlang. Nach kurzer Pause ging es sofort wieder weiter. Als wir nach drei Stunden verschwitzt rauskamen, waren alle Räume, also alle Kleidungskategorien fertig sortiert und gelagert. Das war schon ein cooles Gefühl 🙂

Derzeit sammeln sich die Initiativen im Internet, es entstehen Webseiten und Dokumente mit Anlaufstellen für Spenden, neuen Ideen und anderen passenden Themen und Ansprechpartnern. Viele verschiedene Netzwerke zusammen zu bringen ist wohl, wie überall, die Mammutaufgabe. Da es bisher keine Koordinierung vom Land Rheinland Pfalz gab, gibt es viele kleine Initiativen, die sich unterschiedlichen Bereichen annehmen. Eine spricht zum Beispiel direkt mit den Familien in den Afas, sammelt anonym was die Familie braucht, und stellt dann das Infoblatt in die Gruppe. Jemand kann sich dann der Familie als „Pate“ annehmen und die Dinge für sie sammeln. So werden komplette „Pakete“ abgegeben.

Im August gab es auch ein Treffen, organisiert von Trier für Alle, wo sich alle Initiativen mal treffen und kennenlernen konnten. In einem Hackpad werden derzeit alle Ideen und Pläne gesammelt, und da sind tolle Sachen dabei! Natürlich ist auch vieles doppelt organisiert, aber ich glaube ganz ehrlich, dass sich das noch auszahlen wird, wenn die nächsten Flüchtlinge Trier erreichen. Vor zwei Wochen gab es bei schönstem Wetter außerdem ein erstes Kinder- und Familienfest im Nell’s Park, das wohl sehr gut ankam. In Trier mag es vielleicht etwas langsamer gehen als woanders, aber hier steht keiner doof rum und wartet, dass etwas passiert. Alle arbeiten hart daran, dass bald niemand mehr auf dem Boden oder in Zelten schlafen muss. Ich möchte auch gar nicht wissen was da noch alles hinter den Kulissen in der Stadtverwaltung läuft, von dem man (leider) nichts mitbekommt.

Im August gab es dann auch noch ein Benefizkonzert von der Kulturkarawane mit lokalen Bands im Brunnenhof, bei dem für die Flüchtlingshilfe gesammelt wurde. Das Konzert kam super an und war proppevoll besucht. Gestern wurde bekannt gegeben, dass 1500 Euro zusammengekommen sind 🙂

Was ich also mit diesem Post sagen möchte: die Lage in Trier ist arg, ja. Aber die Presse stellt das oft sehr einseitig dar und vergisst, mit den Verantwortlichen vor Ort zu sprechen. Hier sind viele gute Dinge am Werk und ich glaube, dass wir der Aufgabe gewachsen sind. Es wird mit Sicherheit bald besser werden. Diese Menschen helfen alle neben der Arbeit, umsonst, und das machen sie super! Nach meinem Urlaub möchte ich mich weiter engagieren und werde mich mal erkundigen, wo ich am besten helfen kann.

Wer das auch tun möchte, für den habe ich mal einige wichtige Fragen und Antworten und Informationsangebote gesammelt (zum Beispiel auch die Antwort auf die Frage, warum die Stadt Trier selbst in den Afas keinerlei Zuständigkeit hat), und zwar auf dieser Seite:

FAQ Flüchtlingshilfe Trier

Ich hoffe dass ich so einigen Trierern ihre Fragen ein wenig beantworten kann und würde mich freuen, wenn mehr Menschen helfen. Die „Kleiderparty“ hat Riesenspaß gemacht! Wichtig ist: nicht einfach irgendetwas bringen, immer vorher informieren! Es bringt nichts wenn man tausend gespendete Koffer hat, aber nichts zum Anziehn für die Kinder.

Für Anregungen und Kritik könnt ihr mir gerne eine E-Mail schreiben 🙂

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Motivation!

Ich habe mich in diesem Semester für ein Stipendium beworben. Ich hätte nie gedacht dass ich das mal tue. Ich bin mir zu 200% sicher dass ich es nicht kriegen werde, denn Kommilitonen von mir, die fünfmal mehr engagiert sind als ich, wurden abgelehnt. Aber das ist egal, denn ich habe schon etwas viel wertvolleres bekommen: ich musste ein Motivationsschreiben über mich selbst schreiben. Ich musste etwas tun, was ich nie zuvor getan habe.

In einem Motivationsschreiben erklärt man, warum man das Stipendium möchte. Aber noch mehr als das, man erklärt, warum man das Stipendium verdient hat. Ich hasse Eigenmarketing. Ich hasse es, mich zu verkaufen. Wer mich so nicht mag wie ich bin, soll es eben lassen.

Aber dann wurde mir mit jedem Stichpunkt aus dem Lebenslauf klar, wieviel ich geleistet habe. Wieviel Hürden ich schon überwunden habe in meinem Leben. Wie sehr ich gefiebert, geflucht, gepowert und geweint habe, um hier heute sein zu dürfen. Wie verdammt noch mal stolz ich auf mich selbst sein kann. Und dass das auch bitte verdammt nochmal jemand anerkennen kann.

Und man darf auch nicht vergessen (das habe ich bei den DMW gelernt), dass niemand weiß dass man all das leistet. Weil man es nicht zeigt. Weil man nicht darüber spricht. Aber man muss darüber sprechen. Die anderen, die Arbeitgeber, die Förderer, können ja nicht hellsehen. Und die guten unter ihnen wissen solche Lebensläufe zu schätzen. Sie verstehen, dass du auch im Scheitern gelernt hast. Und über dich hinausgewachsen bist.

Ich kann nur jedem empfehlen, hin und wieder mal ein Motivationsschreiben über sich selbst zu verfassen. Auch wenn man es für jemand anderen schreibt, so schreibt man es klammheimlich eigentlich für sich 🙂

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It’s done.

Die letzten sechs Wochen waren hart. Als ich entschied, zwei statt einem Hauptkurs und zusätzlich einen weiteren 3CP-Kurs zu den vier anderen Kursen zu belegen, um alle nötigen Module zu bestehen, wusste ich, dass es hart werden würde. Aber es wurde härter. Ich meine nicht die Arbeit selbst. Die bleibt immer die gleiche: Photoshop, Illustrator, InDesign, Acrobat, Processing, Unity, Sublime Text 2, Stift und Papier. Nach 4 Semestern hat man fast alle Tricks und Kniffe raus. Die Programme zu beherrschen ist nicht die Herausforderung. Die Herausforderung ist die anhaltende Kreativität. Das ist, also würde man eine sechswöchige Matheklausur schreiben. Auslaugend. Dinge die man während des Semesters konzipiert hat müssen ausgestaltet, ausformuliert, ausgearbeitet werden. Nicht nur jedes Detail muss stimmen, sondern auch das Gesamtkonzept muss rund sein. Alles muss einen Sinn haben. Nicht nur schön, sondern auch benutzbar. Ich kann versichern dass es bei so einem straffen Zeitplan nicht möglich ist, dass alles perfekt ist. Man lernt irgendwann, auch mit 90 oder 95% zufrieden zu sein, weil man einfach nicht mehr kann.

Der Kreislauf geht vor dir ins Bett, und du folgst nach und kannst dann bis 4 Uhr morgens nicht einschlafen, weil du in Gedanken deine To-Do-Liste durchgehst. Du verpasst Veranstaltungen, Feier von Freunden, das „einfach nur an der Mosel in der Sonne sitzen“. Du ernährst dich schlecht, du schläfst wenn andere aufstehen. Du verbietest dir zu prokrastinieren, weil das alles nur schlimmer machen würde. 6 Wochen strikter Zeitplan und Konsequenz. It has to be done! Ob das gesund ist? Ich glaube nicht. Aber es war nur dieses eine Mal. Dieses eine Mal gab es etwas, worum ich unbedingt kämpfen wollte. Ich werde wohl die erste Studentin im Fach Intermedia Design sein, die zu Beginn des 5.Semesters alle bis auf einen Kurs absolviert und bestanden hat (der letzte Kurs baut auf einen im 4.Semester auf). Die erste, die am Ende des 6.Semesters eines siebensemestrigen Studiengangs inklusive Praxissemester fertig sein wird.

Warum ich das gemacht habe? Einfach weil ich kann. Und weil ich es leid bin, auf Hochschul-Verantwortliche und Workload-Vorgaben und vor allem Menschen, die mir sagen, dass etwas nicht schaffbar ist, zu hören. Ich habe es geschafft, und ich bin nicht daran gestorben. Punkt. Und es hat sogar Spaß gemacht!

Dennoch würde ich es nicht wieder tun. Nicht, weil es nicht machbar ist oder weil ich zu sehr gelitten habe. Sondern weil die unfassbare Bürokratie in Hochschulen kein Ausbrechen aus dem Raster zulässt. Mir wurden etliche Steine in den Weg gelegt. Da war nicht einer, der mir sagte: Wow. Cool. Du schaffst das, ich helfe dir! Doch, ein einziger. Dem bin ich unendlich dankbar. Der Rest kann mich mal. Als ob ich jemandem was wegnehmen würde!

Im Studiensekretariat sagte jemand: „Das geht doch gar nicht. Das ist doch gar nicht möglich, dass jemand zwei Semester in einem studiert. Das würde ja bedeuten, dass man doppelt soviele Workload-Stunden arbeitet wie vom Prüfungsrat vorgegeben. Das kann ja niemand bewerten, das ist ja nicht mehr vergleichbar.“

F*** Vergleichbarkeit. Ich hab’s einfach gemacht.

Aber es ist ok. Jeder handelt nach seinem Horizont. I get that.

Für mich hat es sich gelohnt. Ich habe viel, sehr sehr viel gelernt. Über mich, über meine Grenzen, und wie ich sie biege, und wann ich breche.

Und wie man in der Programmiersprache C# die Überflugszeiten der ISS visualisiert.

Ich weiß schon, warum ich den Weltraum so mag.

Der ist auch unendlich.

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Ich wünschte, ich könnte 200 Jahre leben!

Wenn ich einen einzigen Wunsch frei hätte, dann wäre es dieser. Ich kenne viele Leute die dann sagen: „Oh mein Gott, nein, auf keinen Fall, 100 reichen doch!“ 100 reichen!? Für mich nicht mal annähernd. Und der Grund ist: der Weltraum.

Schon als Kindergartenkind las ich jedes Weltraumbuch, das mir in die Hände fiel. Als Erstklässlerin verfolgte ich mit gebanntem Blick jeden Beitrag über Astronomie und Weltraumforschung. Zwei Jahre später baute ich im Astronomie-Kurs der Projektwoche meinen ersten Feldstecher aus einer Klopapierrolle. Ich besuchte die Sternwarte in Bonn. Und ich sehe zum Himmel, seit ich denken kann. Immer. Sobald die Sterne aufgehen, kann neben mir sonstwas passieren. Die Perseiden und Leoniden schaue ich, seit ich alleine draußen auf Feldern übernachten darf. Ich sah den Kometen Halley, als er an der Erde vorbeizog. Sah den Venustransit. Alle Sonnenfinsternisse über Deutschland. In Holland am Strand die Milchstraße. Erlebte mit, wie Rosetta und Philae erwachten, Philae sogar zwei Mal! Mein ISS Timer gibt mir Bescheid, wenn der erste Außenposten der Erde wieder in der Nähe ist. Ich starre nach oben und stelle mir hunderte Fragen. Wie geht es den Astronauten auf der ISS grade (während sie über meinen Kopf fliegt)? Existiert dieser eine Stern dort noch? Wie schön muss es sein, in einem Raumschiff durch einen Nebel zu fliegen? Was würde Alexander Gerst zu den Fakten im Buch „Der Marsianer“ von Andy Weir sagen, das ich grade lese? Würde er selbst eine Marsmission antreten? Wann ist die ISS fertig gebaut?

Gefühlt hat die Weltraumfahrt in den letzten Jahren einen erheblichen Schub bekommen. Die NASA hat wieder ein Raumfahrtprogramm, die privatisierte Raumfahrt (Orion, SpaceX) spielt nun eine große Rolle. Die sozialen Medien haben Raumfahrt zu einem Thema gemacht, das selbst den „Normalbürger“ begeistert. Es gibt Sternschnuppenschauer-Events auf Facebook. Es gibt Social-Space-Veranstaltungen und Tage der offenen Tür von der esa und dem dlr für die breite Öffentlichkeit. Astronauten twittern von der ISS und kleine Kometenlander bekommen ein Gesicht und einen Twitteraccount! Es gibt seit diesem Jahr einen TedXesa-Talk! Bei all den Krisen in der Welt arbeiten NASA, esa, dlr, die japanische Weltraumbehörde JAXA und die russische Behörde Roscosmos vorbildlich zusammen, grenzenüberschreitend. Astronauten sprechen plötzlich auf Konferenzen, um von ihrem Leben im All zu berichten. Die Menschen fiebern mit, wenn eine neue Mission startet, die Nachrichtenkanäle berichten mehrstündig. Alle leiden öffentlich mit, wenn wieder ein Start missglückt ist. Filme wie Gravity und Interstellar werden von Millionen begeistert angeschaut und hinterfragt. Man kann via Online-Stream LIVE beim Andocken der Soyuz-Kapseln und Versorgungsfrachter an die ISS dabei sein! Ich selbst stehe nachts auf, um mir die Landung der Soyuz mit ihren Crewmitgliedern auf der Erde anzusehen, weil ich erst dann beruhigt schlafen kann. Es gibt Weltraum-Podcasts. ISS-Vines. Astronauten-Dokus. Interaktive Dokumentationen und einen 360°-Rundgang durch die ISS. Twitter quillt mittlerweile über von Tweets mit dem Hashtag #ISS: immer mehr Menschen suchen nachts am Himmel nach der ISS und wollen mehr über sie erfahren, oder einfach nur bewundern, wie sie als hellster Stern zügig über den Nachthimmel zieht.

Und all das ist gut! Denn die jungen Leute von heute sind vielleicht die Mars-Missions-Astronauten von morgen. Und es ist wichtig, zu begreifen, wie bedeutsam unser blauer Planet ist. Dass er vorerst in weiter, weiter Entfernung der einzige Ort ist, an dem wir leben können. Und wenn wir ihn kaputt machen, dann sterben wir aus, und dann ist keiner mehr da, der den Weltraum weiter erforschen könnte. Wie schade wäre das denn!!

Mit viel, viel Glück erlebe ich vielleicht noch die ersten Testmissionen zum Mars. Viel lieber wäre mir aber, ich würde 200 Jahre leben. Denn dann könnte ich all das miterleben, wovon ich seit meiner Kindheit träume. Ich lebe, um Neues zu entdecken. Ich versuche jeden Tag, all das um mich herum besser zu verstehen. Ich bin eine Forscherin, schon immer. Der Gedanke, eine Marsmission mitzuerleben, macht mich innen drin ganz hibbelig. Und ich hätte noch genug Zeit, um die Welt zu bereisen, all das zu entdecken, was es zu entdecken gibt, all das wertschätzen zu können was da ist. Die Technik von Star Trek Voyager entstehen zu sehen, nicht exakt wie in der Serie, aber so ähnlich.

Vielleicht einmal selber in ein Raumschiff zu steigen. In der Schwerelosigkeit schweben. Einen wichtigen Teil zur Zukunft der Raumfahrt beitragen. Das wäre verrückt und schön. Seit der Weltraum-Ausstellung in der Kunst- und Ausstellungshalle, wo ich Entwürfe von Galina Balaschowa von der Soyuz-Innenaustattung sah, habe ich ja die verrückte Idee, mal als Interface-Designerin für die esa/dlr zu arbeiten. Verrückt, aber ich glaube nicht so abwegig, dass es diesen Beruf mal geben wird. Damals hätte auch niemand gedacht, dass es mal Menschen gibt, die mit dem Gestalten von Webseiten Geld verdienen 😉

Ich mag es, von Begeisterung begeistert zu sein. Jetzt muss ich nur noch gesund genug leben, um 200 Jahre alt zu werden. Ich glaube, das geht auch mit Begeisterung 😉

Und bald ist auch der Regen abgezogen: dann kann ich Sternschnuppen schauen gehen und mir wünschen, dass es wahr wird.